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Writer’s Talk mit Verena Boos

(c) Joachim Gern

“Writer’s Talk” mit Verena Boos:

Ein Werkstattgespräch über die Schichten der Erinnerung in der urbanen Topografie Barcelonas

Frankfurt, 26 June 2018 (12-2 pm, IG 1.414)

Die katalanisch-spanische Aktualität ist ohne die Geschichte nicht zu verstehen. Im Konflikt um Katalonien wird weniger das katalonische Steuerdefizit als vielmehr Erinnerung verhandelt und aus einem spezifischen Geschichtsbewusstsein heraus Zukunft zu gestalten versucht. Der katalanische Separatismus ist vor dem Hintergrund persönlicher und politischer Agenden zu verstehen, vor allem aber vor konkreten historischen Erfahrungen und nationalen Kränkungen. Aus jahrhundertealten Differenzen und (Ohn)Machterfahrungen innerhalb Spaniens entsteht der Drang, ein besseres Land zu gestalten, “lieber arm zu sein als spanisch”. Im komplexen Zusammenspiel katalanischer Identitäten spielt die permanente Präsenz der Geschichte eine virulente Rolle, und in der Stadt Barcelona sind die historischen Schichten an vielen Stellen sichtbar und buchstäblich zu begehen. Einer dieser historisch aufgeladenen Orte ist der Montjuïc, Barcelonas Hausberg. Zur Stadt hin zeigt er seine sonnige Seite: Gelände der Weltausstellung von 1929, Pavillon von Mies van der Rohe, Katalanisches Nationalmuseum MNAC, Fundació Miró, das Gelände der Olympischen Spiele von 1936 und 1992. Verschattet liegt dagegen ein anderer Teil der Geschichte, der im Spiel der zentrifugalen Kräfte immer wieder aktiviert und instrumentalisiert wird: das Kastell auf der Bergkuppe sowie die einzige Gedenkstätte Barcelonas, der Fossar de la Pedrera im stadtabgewandten Teil des Montjuïc. Hier liegen unter anderem Tausende Opfer der Franco-Diktatur und auch der 1940 hingerichtete katalanische Präsident Lluis Companys begraben, dessen Schicksal im Zusammenhang mit Carles Puigdemots Exil und seiner Festsetzung in Deutschland häuftig zitiert wurde. Im Werkstattgespräch folgt die Schriftstellerin Verena Boos den Spuren der Geschichte und lotet anhand dieser Fallstudie aus, wie Erinnerung Gegenwart mitgestaltet.

Dr. Verena Boos, Schriftstellerin und Historikerin, freie Redakteurin, Erinnerungsarbeiterin an den Nahtstellen von Literatur, Journalismus, Wissenschaft und praktischer Arbeit im Feld. Studium der Anglo-Amerikanischen Literatur, Soziologie und Kulturwissenschaften, Promotion am Europäischen Hochschulinstitut Florenz in Zeit- und Kulturgeschichte mit einer Arbeit über die Verhandlungen von nationaler Identität und nationalen Interessen in Schottland und Katalonien im Kontext des europäischen Integrationsprozesses. Ihr Roman „Blutorangen“ ist im Aufbau Verlag erschienen und wurde 2015 mit dem Grimmelshausen-Förderpreis und dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. 2016 folgten der Hamburger Mara-Cassens-Preis für das beste Debüt des Jahres und der Gerhard-Beier-Preis für ein literarisches Werk mit sozialpolitischem Bezug. Im Sommer 2017 war sie Stipendiatin des internationalen Austauschprogramms „Memory Work“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur am Instituto de Lengua, Literatura y Antropología des CCHS/CSIC in Madrid. Ihr zweiter Roman „Kirchberg“ erschien im September 2017 im Aufbau-Verlag.